am 26.07.2019 Arbeitswelt

Über Team-Feeling, Kickertische und Ortsunabhängigkeit

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Je länger man Teil eines Remote-Teams wird, desto leichter wird es, zu vergessen, wie es davor eigentlich war. Damals, als man noch morgens aufstehen und ins Büro musste. Damals im Stau oder in der überfüllten Straßenbahn. Damals. Selbst wenn “damals” ein Zeitintervall beschreibt, dass sich über Jahre oder Jahrzehnte erstreckt hat. Man vergisst und verlernt das.

Den eigenen Remote-Alltag dann von Null aus zu gestalten ist ein wunderbarer Prozess, doch er braucht einiges an geistigen Ressourcen, weil einem Stück für Stück auch klar wird, wie verfahren man in den alten Denk- und Arbeitsstrukturen ist. Oft beginnt man instinktiv die Arbeit vielleicht am heimischen Schreibtisch. Oder überhaupt bleibt man aus einem Gefühl der Verpflichtung und Verunsicherung erst mal stationär Zuhause. Das richtige Remote-Gefühl entwickelt sich erst mit der Zeit, wenn man diese große Veränderung geistig verarbeitet hat und einem klar wird, dass man die meisten Grenzen ab sofort selbst setzt. Das kann ein paar Wochen dauern. Vielleicht sogar ein paar Monate.
Natürlich ist uns bewusst, dass wir in Punkto Alltagsgestaltung zu den Paradiesvögeln des Arbeitsmarktes gehören und dass viele Menschen sich gar nicht vorstellen können, was wir eigentlich machen, oder wie genau das eigentlich so aussieht. Ironischerweise ist die Antwort darauf nach einer Weile denkbar langweilig: Wir machen dasselbe wie alle anderen auch, nur eben woanders. Unser Arbeitsumfeld wurde eben auf Flexibilität ausgerichtet. 

Dass wir also gefragt wurden, ob wir den Kickertisch in der Mittagspause nicht vermissen, hat uns eiskalt erwischt. Denn bei den vielen Fragen nach Praktikabilität und “Wie macht ihr x, y, z?” denkt in unserem Team niemand mehr an die Kleinigkeiten, die uns  “damals” den Büro-Alltag versüßt haben.
Wieso eigentlich nicht? Naja. Ich denke, dass bei den vielen Vorteilen und Entscheidungsmöglichkeiten, die wir nun haben, eben auch der beste Kicker-Tisch in der geistigen Versenkung verschwindet und in Vergessenheit gerät. Irgendwie ist eben schon alles anders, wenn die Arbeit nicht mehr an einen gemeinsamen Ort zentralisiert wird.

Aber wenden wir uns doch der eigentlichen Frage hinter dem Kickertisch zu:
Wie funktioniert das denn mit diesen sozialen Aktivitäten, wenn man keinen physischen Ort mehr hat, an dem man zusammenkommt? 

Zuerst einmal sollten wir dabei mit einem Klischee aufräumen, das sich nach wie vor hartnäckig über das ortsunäbhängige Arbeiten hält: man sitzt im Alleingang im stillen Kämmerlein. So ist das allerdings nicht. Zumindest bei uns nicht. Vielleicht mag das bei den Selbstständigen und Freelancern in der Ortsunabhängigkeit etwas mehr zutreffen. Bei uns ist es eher das Gegenteil. Wir kommunizieren sehr viel miteinander und wenn man sich unsere Kalender anschaut, dann gibt es nicht so viele Zeiten zu denen nicht irgendjemand mit jemand anders gerade ein Meeting hat. Es ergeben sich mehrmals die Woche außerdem Zoom-Camps in einem unserer Channel. Will heißen: Mehrere Team-Mitglieder bleiben im Videocall, für gewöhnlich stellt man sich selbst auf stumm. Der eine hört Musik macht die Verwaltung, der nächste schneidet ein Video, wieder jemand anders telefoniert. Es ist genau dasselbe, wie wenn alle im Büro konzentriert vor sich hinarbeiten. Im Grunde sind die Zoom-Channels unsere neuen Büros. Wir wissen, wann sich jemand einen Kaffee holt, oder etwas isst. Wir treffen uns also nicht nur an der Kaffeemaschine. Manchmal wird man auch auf einem iPad o.Ä. mit zum Kochen genommen, oder ist dabei, wenn einer der Kollegen die Wäsche aufhängt. Das ist auch irgendwann nicht mehr komisch, denn wieso soll man nicht beim Wäsche aufhängen über Marketing-Strategien reden können? Wie gesagt, es ist einfach alles auf Flexibilität getrimmt. Und da man so extrem nah an der Privatperson dran ist, bräuchte es oft keine zustätzlichen sozialen Aktivitäten, um ein Team-Feeling aufzubauen.


Wir haben trotzdem noch mehr; jeden Tag zur selben Uhrzeit gibt es ein gemeinsames Meeting, unsere “Kaffeepause”. Normalerweise sehen wir also alle unsere Kollegen mindestens einmal pro Tag. In dieser halben Stunde Kaffeepause quatscht man eben einfach - manchmal durchaus über Fragestellungen, die im Arbeitskontext aufgetaucht sind, aber manchmal auch über etwas ganz anderes. Zum Beispiel darüber, ob eigentlich irgendwer den Kickertisch vermisst.
Auch nach der Arbeit haben wir (mit manchen Kollegen mehr, mit manchen weniger) noch miteinander zu tun - wir teilen Rezepte und Erdnussbutter-Kakao-Sojamilch-Phasen, motivieren uns zu zu Fitness-Challenges oder schauen gemeinsam nerdige Live Streams, wenn es endlich ein Bild eines schwarzen Lochs gibt.
Wir machen Termine zum Skypen aus. Oder telefonieren.
Und dann gibt es außerdem noch Team-Meetings, an denen sich alle physisch treffen. Team-Meetings sind durchaus business-lastig, schließlich haben auch wir eine Roadmap und müssen zu bestimmten Dingen einen Konsens finden, uns auf Strategien einigen, etc. Fairerweise muss man sagen, dass es wirklich einen Unterschied macht, wenn man seine Kollegen auch mal in echt vor sich hat. Und es ist schöner, wenn man die Kollegen nicht immer nur von Kopf bis Brustkorb sieht, sondern in natura komplett vor sich hat, die Körpersprache kennen lernt und noch mal zahlreiche Facetten wahrnehmen kann, die man vorher so nicht kannte.
Wir haben uns außerdem während unseres letzten Teammeetings entschieden, ein Team-Coaching zu machen. Das mag in kreativen Bereichen nicht so verbreitet sein und hat auch nichts mit Erlebnispädagogik zu tun, in der ein Team-Gefühl erst mal grundlegend geschaffen werden soll. Das machen wir auch so.
Dieses Team-Meeting ähnelt eher dem, was man in sozialen Bereichen wohl als Supervision bezeichnen würde. Momentan arbeiten wir mit unserem Coach Sven daran, eine gemeinsame Vision zu entwickeln, Werte und Ideen festzuhalten, die uns motivieren und daraus einen gemeinsamen motivierenden Treiber zu stricken.
Auch Konflikte und unterschiedliche Ansichten möchten wir dort beleuchten und auflösen.



Und wie cool ist es denn, sich mit den Kollegen an einem tollen Ort verabreden zu können, und vielleicht in Südfrankreich ein Haus zu beziehen und dort tagsüber an einem Projekt zu arbeiten - abends kann man dann den Feierabend teilen. Und dann gehen alle wieder ihrer Wege, so wie sie es eben am liebsten mögen.
Der Unterschied ist vielleicht, dass wir unsere Remote-Kollegen trotz physischer Distanz ungewöhnlich nah bei uns haben. Ich weiß nicht von der Mehrheit meiner früheren Kollegen, wann der Postbote klingelt, oder was für ein Bild über dem Sofa hängt. Wir haben sie jeden Tag in unseren Wohnzimmern dabei, wir kochen mit ihnen. Am selben Tag sind wir mit Menschen an unterschiedlichen Orten der Erde verbunden und es ist eine große Bereicherung, wenn es so unterschiedliche Blickwinkel, Erfahrungen und Geschichten gibt.
Wer denkt da noch an einen Kickertisch?



Jasmin Rheiner

JASMIN MACHT BEI JULITEC: Verwaltung, Personal-Administration, Content-Erstellung -- SIE MAG: Ihre beiden Hunde, Natur, Yoga, Fitness, Kitesurfen.

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