am 02.08.2019 Arbeitswelt

Das ideale Arbeitsmodell #2 - HomeOffice

Subscribe to Email Updates

Ein Bürojob ist von gestern und schon gar nichts für dich? Vielleicht wäre HomeOffice eine gute Alternative. Nehmen wir dieses Thema doch einmal etwas genauer unter die Lupe:

In einem HomeOffice-Job wird der stationäre Arbeitsplatz vom Büro in die eigenen vier Wände des Mitarbeiters ausgelagert. Oft gibt es dabei verschiedene Vorgaben seitens des Arbeitgebers; zum Beispiel über die Bandbreite, oder beispielsweise darüber, dass das Arbeitszimmer abschließbar sein muss. Vielleicht gibt es einzelne Termine, die man vor Ort beim Arbeitgeber wahrnehmen muss, aber die überwiegende Mehrheit der Arbeitszeit verbringt man eben am ausgelagerten stationären Arbeitsplatz. Gemäß der offiziellen Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV, was für ein Wort) heißt HomeOffice übrigens Telearbeit.



 


Vorteile:

Zeitersparnis:
Die halbe Stunde, die andere Menschen im Stau stehen oder vielleicht mit dem Bus zur Arbeit fahren kann man mit einem HomeOffice-Job damit verbringen, im Supermarkt um die Ecke noch kurz die fehlende Zutat für’s Mittagessen zu besorgen, nochmal staubsaugen, oder fortan morgens einfach immer eine halbe Stunde länger schlafen. 

Bequem:
HomeOffice ist denkbar bequem. Während der Rest der Nation nämlich im Büro sitzt, kann man im HomeOffice nebenher in den kurzen Leerlauf-Phasen einen Teil des Haushalts schmeißen: zum Beispiel Wäsche einschalten, das Essen vorbereiten, Pakete annehmen, oder die Blumen auf dem Balkon gießen. Im Büro quatscht man in der Zeit vielleicht mit den Kollegen oder hängt am Handy. Ein weiterer Punkt ist definitiv die Kleiderordnung im HomeOffice - es gibt sie quasi nicht. Es ist nicht mehr nötig, im Hochsommer einen Anzug zu tragen. Man darf sich wohl fühlen. Wer schon mal einen unbequemen Arbeits-Dresscode erlebt hat, weiß dies als riesige Ressource zu schätzen. Die Energie, die man sonst darauf verwendet hat, sich unwohl zu fühlen, kann man nun nämlich produktiv nutzen.

Familienfreundlich:
Ein HomeOffice-Job ist auch eine tolle Sache, wenn man eine Familie hat und die Kinder zum Beispiel noch klein sind, oder eben früher vom Kindergarten oder von der Schule kommen. Das ist insbesondere dann sehr wertvoll, wenn die andere Person zum Beispiel Schichten arbeitet. Da kann ein HomeOffice-Job der Unterschied zwischen einem, oder zwei Einkommen bedeuten.
Auch für viele Partnerschaften wird vieles einfacher, wenn ein Partner einen HomeOffice-Job hat - beispielsweise wenn ein Jobwechsel in eine andere Stadt ansteht. Ein HomeOffice lässt sich ziemlich einfach umziehen. Eine Wochenend- oder gar Fernbeziehung muss man also nicht führen, wenn man das nicht explizit möchte. Insgesamt kann man auf diese Art und Weise mehr Bedürfnisse miteinander vereinbaren. 

Kontrolle über die Störfaktoren:
Einerseits gibt es die Ansicht, Zuhause gäbe es zahllose Verlockungen, denen man unterliegen wird. Andererseits ist der riesige Vorteil eines Büros in den eigenen vier Wänden, dass man die Störfaktoren eben weitestgehend kontrollieren kann. Ist man ein ruhiges Einzelbüro gewohnt, mag der Unterschied vielleicht eher marginal sein. Wer jedoch schon einmal Arbeitserfahrung in einem Großraumbüro gesammelt hat oder mit fest mehreren Kollegen in einem Raum saß, weiß wie anstrengend eine dauerhafte Geräuschkulisse sein kann. Für manche Aufgaben braucht man Konzentration und Ruhe. Und das klappt Zuhause oft sehr viel besser als wenn man einen konstanten Geräuschpegel hat, den man nicht beeinflussen kann.

Arbeitgeberseitig - Kosten:
In der Theorie zumindest spart der Arbeitgeber Geld, wenn die Mitarbeiter im HomeOffice arbeiten. Es muss ihnen kein Schreibtisch zur Verfügung gestellt werden, auch Boni für Straßenbahntickets oder Pendlerpauschalen können entfallen. Die Stromrechnung sinkt und man muss auch nicht ganz so oft Verbrauchswaren wie Kaffee, Seife, Toilettenpapier, etc. nachkaufen, wenn man nicht jeden Tag Full House hat. 


 

Nachteile:

Arbeitnehmerseitig - Nebenkosten: 
Fakt ist, wer im HomeOffice arbeitet, kann sich auf höhere Nebenkosten einstellen. Der Strom, den ihr während der Arbeitszeit verbraucht, wird nun bei euch privat abgerechnet. Eure Heizperioden im Winter werden merklich länger, denn wahrscheinlich wollt ihr zwischen 9 und 15 Uhr nicht frieren. Bei einer Vollzeitbeschäftigung schlägt sich das durchaus in den Zahlen nieder. Natürlich ist es trotzdem eine individuelle Sache, wie viel Strom man verbraucht, wie viel man heizt, etc.
Es kann auch sein, dass ihr diesen Preis (wortwörtlich) gerne zahlt. Aber mit einer HomeOffice-Situation wird die eigene Tasche mehr belastet als im Büro.

Das stille Kämmerlein:
Natürlich hat man faktisch auch mit dem HomeOffice-Job Kollegen. Ob man die regelmäßig genug sieht oder ausreichend Kontakt mit ihnen hat, um eine tiefere Beziehung mit ihnen aufzubauen, ist aber noch nicht gesagt. Hat man eine gewachsene Umgebung, in der man sich wohl fühlt und ist sowieso am liebsten im eigenen Freundeskreis unterwegs, ist das natürlich weniger ein Thema. Wer einfach gerne Menschen um sich hat und prinzipiell zwischenmenschliche Kontakte genießt, wird sich im HomeOffice vielleicht aber nicht ganz so wohl fühlen. 

Kooperation:
Man kann auch im HomeOffice zusammenarbeiten, allerdings sind manche Aspekte der Zusammenarbeit komplexer, gestalten sich anders oder es ist ein Umdenken erforderlich. Auch hier ist die grundlegende Frage, wie man selbst tickt und wie viel gemeinsamen Raum man sich wünscht, um gemeinsam an Themen zu arbeiten. Eine Gruppendynamik kommt definitiv einfacher auf, wenn man gemeinsam an einem Tisch sitzt, zusammen auf einem Flipchart herumkritzeln kann und kollektiv Pizza bestellt, während man vollkommen übermüdet um die pünktliche Einhaltung einer Deadline kämpft.


Zwei-Klassen-Gesellschaft:
Das ist ein schwieriges Thema, und genau deshalb nehmen wir es mit auf. Wir haben es selbst in der Geschichte der Firma erlebt, dass es zur Bildung von unterschiedlichen Lagern kommen kann, wenn manche Mitarbeiter im Büro und manche Mitarbeiter eben im HomeOffice sind. So schön HomeOffice sein kann, wenn ihr in einer Firma Karriere machen wollt und die Strukturen nicht dementsprechend da sind, tut ihr euch möglicherweise keinen Gefallen, wenn ihr von Zuhause arbeitet. In der Praxis ist es dann nämlich ganz einfach so, dass es Mitarbeiter gibt, die man konstant "auf dem Schirm" hat - weil sie eben da sind - und dass es die zweite Gruppe von Mitarbeitern gibt, die man eben nicht mehr so auf dem Schirm hat. Und diese Mitarbeiter werden sich ganz zurecht außen vor fühlen - weil sie nämlich außen vor sind.
Da muss also ein gezielter Prozess her - wir haben das damals "Remote First" genannt und sind mittlerweile der festen Überzeugung, dass es ohne diesen Ansatz langfristig auch gar nicht geht. Wenn euch eure Karriere-Entwicklung also wichtig ist und ihr innerhalb der Firma noch aufsteigen wollt, solltet ihr zuerst genau beobachten, ob die HomeOffice-Lösung vielleicht den Beigeschmack von "Abstellgleis" hat. Das gibt es nämlich leider auch. 

Arbeitsunfälle und Versicherungsschutz:
Auch die harten Fakten sollte man nicht vom Tisch fallen lassen. Unsere Recherche bzgl. Versicherungsschutz bei Arbeitsunfällen hat für die Telearbeit, bzw. HomeOffice folgendes Ergebnis erbracht: Zuhause greift die gesetzliche Unfallversicherung, und ein Wege-Unfall kann erst dann vorliegen, wenn ihr die Wohnungstür verlassen habt. Wenn ihr also im Büro während der Arbeitszeit die Treppe herunterfallt und euch ein Bein brecht, greift die betriebliche Unfallversicherung. Passiert euch das Zuhause, greift sie nicht. Es gibt dazu ein Urteil vom Bundesgerichtshof aus dem Jahr 2010 (könnt ihr hier nachlesen). Außerdem gibt es auf der Seite der Versicherungsgesellschaft ARAG eine schöne Zusammenstellung verschiedener Fakten zum Thema HomeOffice.

Disziplin:
HomeOffice funktioniert nur dann, wenn man sich eigenständig motivieren kann und in der Lage ist, diszipliniert zu arbeiten und Ergebnisse zu produzieren.
Versinkt man stundenlang im Onlineshopping oder in den sozialen Medien statt sich der Arbeit zu widmen, wird es eher schwierig werden. Dann ist man in einem Büro besser aufgehoben, denn ein fester Arbeitsort ist sicherlich vergleichsweise “reizarm” und beinhaltet nicht ganz so viele private Verlockungen. Die Befürchtung vieler Arbeitgeber, dass die Produktivität im HomeOffice leiden wird, wollen wir allerdings pauschal nicht stehenlassen. Produktivität leidet genauso auch im Büro, wenn die Mitarbeiter das private Handy auspacken oder ständig rauchen gehen, sobald sie mal Leerlauf haben. Die Befürchtung, dass Mitarbeiter mit weniger Kontrolle unproduktiver werden, widerspricht unseren Erfahrungen. Unserer Erleben nach sind Produktivität und Effizienz eine Frage des Typs. Im richtigen Setting ist jeder Mitarbeiter produktiv. Es passt eben nicht alles zu jedem.




Einen finalen Punkt gibt es, den wir nicht eindeutig einsortieren können, denn dabei handelt es sich um das klassische zweischneidige Schwert - ob ihr ihn als Vorteil oder Nachteil klassifiziert überlassen wir also jedem selbst, denn das ist ein ganz individuelles Empfinden:

Feierabend bzw. die Trennung von Arbeit und Privatleben:
Je nachdem, ob man die Arbeit und das Privatleben gerne strikt trennen will, oder eben nicht, ist HomeOffice entweder eine sehr gute, oder eine sehr schlechte Idee. Im HomeOffice ist der Gang zum Laptop immer sehr kurz und E-Mails kann man auch problemlos sonntags lesen und beantworten. Für Menschen, die ihre Arbeit gerne machen, die mit ihren Kollegen gerne Zeit verbringen und die ihren Job gleichzeitig hoch priorisieren, mag das kein Problem darstellen oder ihnen sogar in die Karten spielen. Man kann einfach alles miteinander integrieren und "ein" Leben schaffen, das viele Aspekte vereint. Man wird dann keine künstliche Trennung zwischen den beiden Bereichen Arbeit und Privatleben mehr spüren, zumindest nicht in dem Maß wie es vielleicht bisher war.
Aber: Letztendlich gibt es auch diejenigen Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen (seien es Charaktereigenschaften wie Perfektionismus, Ängstlichkeit bis hin zu "Ich bin ein Workaholic.") Disziplin benötigen, um eben nicht ständig und immer zu arbeiten. Für alle diejenigen, die ihren Job als Mittel zum Zweck sehen oder die ihre Prioritäten anders gesetzt haben, kann es extrem lästig sein, wenn ihnen die Arbeit immerzu vor der Nase herumschwirrt. Die Arbeit ruht nämlich nie, auch wenn man selbst ruht. Wer da ein schlechtes Gewissen kriegt oder ohne physische Distanz zur Arbeit den Kopf nicht abschalten kann, der sollte noch einmal in sich gehen und das Arbeitsmodell HomeOffice überdenken. 

Es spricht nichts dagegen, die beiden Lebensbereiche zu trennen, dann sollte man das allerdings auch so durchziehen. Zuende gedacht hieße das auch: private Nachrichten und Anrufe nur noch während der Pausen und privates Surfen gibt es auch nur noch davor und danach. Pausen exklusive der Arbeitszeit. Auch das ist eine Vermischung, wenn auch eine weitgehend tolerierte.

Jasmin Rheiner

JASMIN MACHT BEI JULITEC: Verwaltung, Personal-Administration, Content-Erstellung -- SIE MAG: Ihre beiden Hunde, Natur, Yoga, Fitness, Kitesurfen.

MEHR ZU DIESEM THEMA

Remote Work Arbeitswelt

Das ideale Arbeitsmodell #3 - Remote job

Spricht man von einem Remote Job, geht es dabei nicht um das “was”, sondern um das “wie”. Der Schreibtisch im Büro und d...

Arbeitswelt

Das ideale Arbeitsmodell #1 - Der Bürojob

Das Modell Bürojob kennen wir alle, denn so arbeitet ein sehr großer Anteil der (deutschsprachigen) Bevölkerung. Auch we...

Arbeitswelt

Über Team-Feeling, Kickertische und Ortsunabhängigkeit

Je länger man Teil eines Remote-Teams wird, desto leichter wird es, zu vergessen, wie es davor eigentlich war. Damals, a...