am 18.10.2019 New Work

Was bedeutet Ortsunabhängigkeit?

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Ortsunabhängigkeit heißt, auf Bali am Strand sitzen zu können und ständig zu reisen? Obwohl wir regelmäßig mit diesem Bild konfrontiert werden, ist Ortsunabhängigkeit kein Attribut, das selbsterklärend ist. Sie hat viele Gesichter und wir sind unter den ortsunabhängigen Teams vergleichsweise wenig unterwegs - gar nicht so wie man sich das erst einmal ausmalt, wenn man das erste Mal von unserem Arbeitsmodell hört.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Phänomen “Ortsunabhängigkeit” um einen sehr weitgefächerten Begriff, den man von außen nur schlecht vereinheitlichen kann - dennoch ist es gar nicht so schwer, zu verstehen, was sich dahinter verbirgt. Versuchen wir uns doch mal an einer Definition dieses mysteriösen Phänomens.

Grundsätzlich sagt eine ortsunabhängige Arbeitsweise nur Folgendes aus:
Die Arbeit kann - wenn auch unter bestimmten Kriterien, die erfüllt sein müssen - an jedem beliebigen Ort der Erde erledigt werden. Zu diesen Kriterien gehören oft technische Aspekte, die eine vernetzte Kommunikation, bzw. (Zusammen-) Arbeit über eine beliebige Distanz ermöglichen - also beispielsweise Internet, oder Handyempfang. Rechtlich und behördlich betrachtet bezeichnet man diese Art der Arbeit als “mobiles Arbeiten”.

Das Arbeitsmodell “Home Office” hat übrigens nur dann etwas mit Ortsunabhängigkeit zu tun, wenn man aus eigener Entscheidung zum arbeiten zuhause bleibt, obwohl man jederzeit und nach Belieben auch woanders hingehen könnte. Ist die Heimatadresse vertraglich geregelt, auch als zweite Option neben dem Büro, ist man per Definition nicht ortsunabhängig. Zentrales Kernelement der Ortsunabhängigkeit ist also, dass kein Erfüllungsort der Arbeitsleistung definiert und eingefordert wird

Ortsunabhängig - on the road

 

Ortsunabhängigkeit = digitaler Nomade?
Nein. Zwar sind alle digitalen Nomaden per Definition ortsunabhängig, aber nicht alle Ortsunabhängigen sind automatisch digitale Nomaden. Was macht also speziell einen digitalen Nomanden aus? Wie der Begriff “Nomade” schon vermuten lässt, handelt es sich dabei um eine Person, die nicht sesshaft an einem festen Ort lebt, sondern ihren Lebensstil aus eigenem Antrieb um den Aspekt des regelmäßigen Reisens von Ort zu Ort erweitert. Ein festes Zuhause (also eine Home Base) hat ein digitaler Nomade in diesem Sinn nicht - man bleibt wo man will, solange man will und zieht schließlich weiter an den nächsten Ort. Man schlägt aber wahrscheinlich keine tiefen Wurzeln.
Wie lange man dann am Zielort bleibt, ist kein wichtiges Kriterium, unter Umständen wird man dabei jedoch durch externe Faktoren wie die Gültigkeitsdauer des Visums, etc. fremdbestimmt.
Die Tendenz scheint aber zu sein, dass sich ein digitaler Nomade eher Wochen oder Monate an einem bestimmten Ort aufhält, bevor es weitergeht. Die Dauer der Aufenthalte geht aber eher nicht in den Bereich “Jahre”, denn dann hätte man eine Home Base (dazu kommen wir gleich) und wäre ja nicht mehr nomadisch. So gesehen und ohne dies zu werten, ist das digitale Nomadentum sicher das äußere Ende des Spektrums der Ortsunabhängigkeit und beinhaltet das größte Maß an konstanter Veränderung, die meisten Ortswechsel, etc. 


Die individuelle Ausgestaltung des digitalen Nomadentums lässt sich allerdings nicht über einen Kamm scheren oder verallgemeinern, auch wenn sich immer wieder Trend-Reiseziele, besonders häufige Einkommensquellen, oder eine ähnlich aufgebaute Art der Selbstdarstellung entwickeln. Nicht alle digitalen Nomaden sitzen in Budapest, Ubud, oder in Chiang Mai. Und nicht alle haben einen unfassbar stylischen Instagram-Feed, der aus Palmen, Flatlays, und glücklichen Selfies besteht. Jeder Mensch hat zu unterschiedlichen Zeitpunkten in seinem Leben andere Bedürfnisse und die Abenteuerlust ist nicht immer gleich stark ausgeprägt, auch wenn sie sicherlich einen gemeinsamen Nenner unter den digitalen Nomaden darstellt - aber irgendwann möchte man vielleicht auch mal Pause machen.


Home Office

 

Trautes Heim, Glück allein - die Home Base
Was hip und vielleicht erst einmal kryptisch klingen mag, ist eigentlich ein einfaches Konzept: Die Home Base ist das Zuhause, das man auch unabhängig seiner Reisen immer “in der Hinterhand” hat. Vielleicht hat man eine Wohnung, oder ein WG-Zimmer, das man einfach behält.
Wieso unterscheidet man klar nach diesem Kriterium?
Ohne Home Base entscheidet man sich für einen Lebensstil mit sehr viel Unsicherheit. Zur Home Base kann man zurückkehren, wenn man eine Reise aus irgendeinem Grund abbrechen muss oder sich einfach nach Ruhe sehnt. Vielleicht hat man phasenweise auch einfach gar nicht die Muse, auf Dauerreise zu sein und möchte sich mit den Freunden und der Familie treffen oder sich einfach mal auf die Arbeitsprojekte fokussieren. 

Auch hier gilt: Wie viel Zeit man zuhause verbringt und wie genau dieses Zuhause aussieht, entscheidet man einfach nach Belieben selbst.
Würde man digitales Nomadentum als das äußere Ende des ortsunabhängigen Spektrums definieren, so wäre die Entscheidung, ganzjährig von Zuhause (als ortsunabhängiges Home Office) zu arbeiten sicherlich das innere Ende des Spektrums.

Für die meisten Ortsunabhängigen liegt die Wahrheit wohl zwischen den beiden Ausprägungen “immer Home Base” und “immer reisen” --vom “im Süden überwintern” zu vollkommenem Freestyle ist eben alles möglich. Unser Team gehört übrigens eher zu den Home Base-Teams. Momentan lebt keines unserer Teammitglieder die Ausprägung des digitalen Nomadentums aus. Wir alle genießen ein gewisses Maß an Ruhe und Routinen und das scheint uns in einer Home Base leichter zu fallen.


Digitaler Nomade = Remote Worker?
Auch das ist nicht dasselbe. Den Begriff Remote Worker lesen wir in den letzten beiden Jahren immer häufiger. Die beiden Begriffe kann man, zumindest unserer Interpretation nach, nicht gleichbedeutend verwenden. Hier kommt zwischen den Zeilen nämlich ein weiteres Kriterium ins Spiel: die Anstellungsart. Arbeitet jemand selbstständig (als Freelancer) oder angestellt in einem Team?


Teamwork


Sprache und Sprachgebrauch unterliegen natürlich einem konstanten Wandel, doch nach unserem Empfinden sind mit “Remote Worker” derzeit diejenigen Ortsunabhängigen gemeint, die per Festanstellung arbeiten, die keine Rechnungen stellen müssen und zu einem festen Team gehören.
Wir sind beispielsweise ein festes Remote Team - wir arbeiten mit ortsunabhängigen Festanstellungen mit allen dazugehörigen Vor- und Nachteilen. Mit einer Anstellung bezieht man ein Festgehalt, hat bezahlte Urlaubstage, genießt Zugehörigkeit zum entsprechenden Sozialversicherungssystem, aber man unterliegt eben auch der Weisungsbefugnis der Chefs und kann nicht frei Schnauze sein eigenes Ding durchziehen. Ein Remote Job ist eben in letzter Konsequenz ein Job.
In einem Remote Team kann sich jeder Remote Worker hauptsächlich seiner eigenen Expertise widmen und je nach Team und Unternehmenskultur geht man daher vergleichsweise entspannt durchs ortsunabhängige Leben. Als Freelancer ist man immer auch Unternehmer. Und auch das in letzter Konsequenz - die damit verbundene allgegenwärtige Verantwortung und der Leistungsdruck erfüllen nicht jeden.
Die Anzahl der Stellenangebote für Festanstellungen in ortsunabhängigen Teams scheint übrigens stetig zu wachsen. Außerdem gibt es eine Dunkelziffer von Teams, die sich die Ortsunabhängigkeit zwar nicht unbedingt groß auf die Fahnen schreiben, die aber zumindest bestimmten Berufsfeldern ein ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichen - insbesondere im Bereich der digitalen Berufe.

Digitale Berufe
Bei den digitalen Berufen handelt es sich um diejenigen Tätigkeitsfelder, die in einer rein digitalen Umgebung ausgeübt werden können. Je fortgeschrittener die digitale Infrastruktur, desto mehr digitale Berufe tauchen auch auf. Ein klassisches Beispiel sind natürlich Entwicklerberufe, aber auch neuere Berufsbilder wie Social Media Manager, Online Marketer, Blogger, Data Analyst, Onlineshop-Verwalter, etc. fallen unter diese Kategorie. Da die Arbeit ausschließlich in einer digitalen Umgebung stattfindet, ist es mit solchen Berufen besonders einfach, ortsunabhängig zu arbeiten - sind die Arbeitsgeräte mobil, hat man schon alle Voraussetzungen erfüllt.
Das heißt aber wohlgemerkt noch nicht, dass man vom Arbeitgeber auch von den Präsenzzeiten im Büro entbunden wird - und einen Anspruch hat man bis dato weder auf Home Office, und schon gar nicht auf volle Ortsunabhängigkeit.

Angemerkt sei, dass diese digitalen Berufe nicht die einzigen sind, die man ortsunabhängig ausüben kann. Das funktioniert mit sehr vielen Berufsbildern, erfordert allerdings oft ein konsequentes Umdenken und Umgestalten der etablierten Arbeitsprozesse - mehr allerdings auch nicht. Wir haben auch die Arbeitsfelder “Verwaltung” und “Kundenbetreuung” restlos digitalisiert, obwohl beide Bereiche vor einigen Jahren dafür noch eher als ungeeignet angesehen wurden. 

 

City-Remote

 

Ein weiteres Arbeitsmodell, das eine Ortsunabhängigkeit im kleineren Rahmen darstellt, ist das “City Remote”-Modell: man ist nicht global ortsunabhängig, sondern mischt Präsenzzeiten im Büro mit Zeiten, in denen man in derselben Stadt flexibel arbeitet - dementsprechend kann man beispielsweise einen Home Office-Tag einlegen, es sich im Co-Working-Space bequem machen, etc. Dass es diese Entwicklung gibt, freut uns sehr, denn das spricht für ein wachsendes Vertrauen der Arbeitgeber den Arbeitnehmern gegenüber. 

Unsere Erfahrung mit voller Ortsunabhängigkeit ist übrigens sehr positiv - wir lieben es, frei entscheiden zu können und nutzen den Freiraum auch, um uns bei Bedarf an einem Ort zusammen zu tun. Das trägt zu einem positiven Teamgefühl bei und macht für uns einen unbezahlbaren Mehrwert aus. Wenn ihr euch nun fragt, wie wir ohne einen gemeinsamen Arbeitsort miteinander kommunizieren können, oder wie wir ohne den Kickertisch im Büro klar kommen, findet ihr auch dafür bereits Antworten. 

Remote Work

Jasmin Rheiner

JASMIN MACHT BEI JULITEC: Verwaltung, Personal-Administration, Content-Erstellung -- SIE MAG: Ihre beiden Hunde, Natur, Yoga, Fitness, Kitesurfen.

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